Arbeit in der Zukunft – Die Fachschaft Philosophie hört Richard David Precht in Attendorn

Am vergangenen Donnerstag besuchten die Philosophielehrerinnen Frau Jablonka, Frau Morasch und Frau Thümmler zusammen mit interessieren Schülern in Attendorn einen Vortrag des Philosophen Richard David Precht über die Auswirkungen der digitalen Revolution auf den Arbeitsmarkt. Dabei ging es vor allem darum, aufzuzeigen, dass die Gesellschaft an dieser Wendestelle die Möglichkeit hat, Arbeit und Gesellschaft humaner, ökologischer und verantwortungsbewusster zu gestalten.

Sie leben in einer Zeit der Revolution! Das wussten Sie nicht? Sie sind nicht nervös angesichts der Veränderungen des digitalen Zeitalters? Nein? Sie sollten sich mit Philosophie beschäftigen. Philosophie? Aber Philosophie ist doch gerade rückwärtsgewandt, mögen Sie einwenden.

Dass dies nicht der Fall ist, davon konnte sich am Donnerstag die Fachschaft Philosophie mit interessierten Schülern in Attendorn bei dem Vortrag „New Work oder Wie wir in Zukunft leben und arbeiten wollen“ von Richard David Precht überzeugen, ein Vortrag aus der Reihe „Zukunftsforum“ der Agentur „Des Wahnsinns fette Beute“. Rückwärtsgewandt an diesem Vortrag war lediglich die historische Analyse der vergangenen technisch – industriellen Revolutionen, die ein klares Fazit enthielt: Jede der drei epochalen Umbrüche habe die DNA der Gesellschaft verändert, so Precht. Und erst am Ende der Geschichte des tätigen Menschen sei das entstanden, was wir heute als „Lohnarbeit“ verstehen.

Die Arbeitswelt werde sich erneut wandeln, so der Philosoph. Etwas, das wir wissen, aber nicht glauben, so wie wir vom Klimawandel und der Migration wissen und irgendwie nicht glauben (wollen), so wissen wir auch von der digitalen Revolution. Und während – rückblickend – alle anderen technisch-ökonomischen Wandel mit dem Wegfall bestimmter Arbeitsplätze durch neue Expansionsmöglichkeiten (eher weniger als mehr reibungslos) kompensiert werden konnten und den europäischen Menschen immer besser Lebensbedingungen geschaffen haben, bleibt nun zu überlegen, ob und inwiefern dies diesmal auch auf die gleiche Weise der Fall sein wird, sind doch bereits global alle Märkte erschlossen und die Ressourcen bereits knapp und wir andererseits in der Lage, die besseren Lebensbedingungen wertbewusst und ohne Kollateralschäden zu gestalten.
Hinzu käme für die Wirtschafts- und Sozialgemeinschaft die Tatsache, dass Maschinen keine Sozialabgaben zahlten und auch keine lohnenswerten Konsumenten seien.

Um die Dimension der Revolution aufzuzeigen, weist Precht vorsichtig darauf hin, dass man in den USA von einer 49 prozentigen Rationalisierungwahrscheinlichkeit spricht. 49 Prozent der Arbeitsstellen könnten künftig von Maschinen, Robotern oder komplexen Programmen übernommen werden – wenn wir das zulassen wollen. Dass dies nicht in allen Bereichen der Fall ist, zeigt Precht an dem Beispiel des Kindergärtners/ der Kindergärtnerin: Selbst, wenn ein Roboter ein Kind individuell fördern, mit Hilfe von Diagnoseprogrammen optimale Spiele zur Verfügung stellen kann (was heute schon der Fall ist), so würden wir im Regelfall lieber einen Menschen an der Seite unserer Kinder wissen wollen, jedenfalls in unserem Kulturkreis. Empathieberufe seien das,- und diese für unsere Zukunft in besonderen Maße wichtig, da sie eben nicht so einfach zu ersetzen seien. Ein weiterer Profiteur, so Precht, sei das Handwerk. Hier seien personeller Zuwachs und ein besserer Status zu erwarten. Außerdem brauche die Gesellschaft Top-Informatiker. An dieser Stelle wendet der Philosoph seinen Blick auf die Schulen und schlägt vor, Kinder mit diesen Begabungen frühzeitig zu fördern und Bildungsgruppen z.B. nach spezifischem Potential zu differenzieren. Auch an anderer Stelle geht sein Appell an die Bildungspolitik und die Lehrer: Zukünftig würden sich viele Menschen ihre Arbeit selbst aussuchen und gestalten, falle doch vor allem die Mittelschicht der Digitalisierung zum Opfer. Kompetenzen wie Kreativität, Flexibilität, Initiative und Zusammenarbeit seien nicht in einem System zu erlernen, das dem alten Wirtschaftsmodell von „Command-and-Control“ diene. Es müsse eine initiative und kreative statt rezeptive Grundhaltung gefördert werden.

Neben einem Umdenken in der Schule stellt Precht das bedingungslose Grundeinkommen als eine problemlösende Perspektive der Zukunft vor. So kann die Bevölkerung weiter konsumfähig sein und die verbleibenden Stellen könnten geteilt werden. Von den verschiedenen Finanzierungsmodellen rechnet Precht den Zuschauern die Erhebung einer Finanztransaktionssteuer bei Abschaffung der Lohnsteuer vor, mit der 1500 Euro pro Bürger finanzierbar wären.

Im Anschluss an den Vortrag diskutierten lokale UnternehmerInnen über ihre Perspektiven auf Ent-Hierarchisierung, würdevollen Umgang mit Bedürfnissen von ArbeiterInnen nach Selbstbestimmung oder Fremdbestimmung, und ihre Wahrnehmung von Grenzen und Risiken innovativer Ideen. „Am Ende des Tages“ – eine viel zitierte Metapher des Abends – gingen offene Geister mit Sicherheit unruhig ins Bett, gekitzelt von neuen Ideen, Perspektiven und vor allem Chancen, die Zukunft mitzugestalten.

*Die Fotos wurden uns von der Agentur „Des Wahnsinns fette Beute“ zur Verfügung gestellt.

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